
- Das Werte-Ohr wird geschult
Zum siebten Mal referierte Markus Classen im November das Modul „Sinn- und werteorientiertes Coaching“ in der Coaching-Ausbildung von xpand. In Präsentationen, Kleingruppenarbeit und Fallbeispielen mit Diskussionsrunden schlugen die 11 Teilnehmenden eine Brücke zwischen Theorie und Coachingpraxis. Inhalte wie die Logotherapie nach Viktor E. Frankl, das 5-Säulen-Modell der Identität bis hin zu Frankls „10 Thesen zur Person“ regten die Teilnehmenden an, die Methoden der Wertegenerierung anzuwenden und ihr „Werte-Ohr“ zu schulen. Durch Ausarbeitung der eigenen Werte verfeinerten die Coaches in Ausbildung ihr eigenes Coaching-Profil und beantworteten sich selbst so die Frage, in welchem Sinn sie in ihrer Tätigkeit als Coach Erfüllung finden und mit welchen Werten sie ihr Coaching gestalten.
Inhalte und Methoden – ein Auszug
Das 5-Säulen-Modell der Identität nach H. G. Petzold ist sowohl Theorie als auch Methode der Coachingpraxis. In diesem Modell fußt die Identität des Menschen auf den Säulen des Leibes (Körperlichkeit), des sozialen Atoms (der Mensch in Beziehung zu seinen Mitmenschen), der ökologischen Sicherheit (die Welt und Umwelt des Menschen), des Tätigseins (sowohl im Beruf, als auch in sonstiger Beschäftigung) sowie der Zukunft (künftige Erwartungen, Ziele, Wünsche, Befürchtungen und Hoffnungen).

Das 5-Säulen-Modell in der Praxis
Wie kann dieses Modell nun in der Coaching-Praxis angewandt werden? Für jede Säule kann der Coach die vom Coachingnehmer wahrgenommenen Ressourcen, Störungen und dahinterstehenden Werte aufnehmen. In einer Matrix dargestellt können diese Felder nun ausgefüllt werden.
Aus der Erzählung des Coachingnehmers und dessen Anlass werden bereits einige dieser Felder gefüllt – Aufgabe des sinn- und werteorientierten Coaches ist es im Verlauf des Coaching-Gesprächs nun, mittels geeigneter Fragen die übrigen Felder auszufüllen. Das Ganzheitliche Bild des Coachingnehmers ist das Ziel und trägt gleichzeitig bei zu einer Arbeit mit dem Gesprächspartner, das auf Ressourcen zurückgreift, die Störungen berücksichtig und Klarheit über die Werte schafft.
Fallbeispiel
In Kleingruppenarbeit wurde der Fall von Walter M. bearbeitet. In gemeinsamer Gruppendiskussion fand dann der Transfer von der Theorie in die Praxis mittels der 5-Säulen der Identität statt.
Walter M., 53, verheiratet, ist Diplom-Ingenieur und seit drei Jahren Abteilungsleiter im Grünflächenamt, wo er seit 27 Jahren tätig ist und für die Entscheidung von Baumfällungen auf Flächen und Bezug auf Verkehrssicherheit verantwortlich ist. Auch Entscheidungen zur Neupflanzung gehört zu seinem Wirkungsbereich.
Das Erstgespräch kam durch Empfehlung eines Bekannten von ihm zustande und findet statt während einer Phase der Arbeitsunfähigkeit des Walter M., nachdem eine akute Belastungsstörung diagnostiziert wurde. Diese wird medikamentös behandelt und er gibt an, dass er sich auf dem Wege der Besserung befinde. Seine Wiedereingliederung steht in 6 Wochen an und er hat die Befürchtung, erneut in die selbe Situation zu geraten, wenn er die Arbeit wieder aufnimmt.
Seine Arbeitssituation schildert Herr Walter M. insofern als belastend, dass Anrufe von Bürgern bezüglich Fäll-Entscheidungen bei ihm zu einer starken Erregung führen, was sich in Herzrasen bis hin zur Sprachlosigkeit ausdrückt, und dass dabei auch Beschimpfungen und Entwertungen geäußert werden. Zudem spricht er von einer empfundenen Sinnlosigkeit in Bezug auf seine Tätigkeit, da er mit jeder seiner Entscheidungen auch Unzufriedenheit bei den Bürgern auslöst – unabhängig davon, ob sich für oder gegen eine Fällung entschieden wird.
Walter M. leitet ein Team von 4 Mitarbeitern – ein weiteres Anliegen im Erstgespräch ist es, dass er einen Mitarbeiter hat, der seinen Aufgaben nicht gewissenhaft nachkommt. Er sieht dies als Aufgabe für sich als Führungskraft an, weiß jedoch nicht, wie er eine Verhaltensanpassung beim Mitarbeiter angehen soll.
Das Modell in der Praxis

Die zukünftigen Coaches arbeiten am Fall
Im Fallbeispiel wurde das 5-Säulen-Modell der Identität angewandt und zu den jeweiligen Säulen die Ressourcen, Störungen und Werte herausgearbeitet. Ressourcen stellten beispielsweise seine Genesung aus der Arbeitsunfähigkeit dar, sein Bekannter, der den Coach empfahl, oder seine langjährige Zugehörigkeit zu seinem Arbeitsplatz. Störungen waren zu entdecken in der Krankheit (Säule Leib), die zur Arbeitsunfähigkeit (Säule Tätigkeit) führte. Auch die empfundene Sinnlosigkeit seiner Entscheidungen bzgl. der Fällungen von Bäumen zur Verkehrssicherheit (Säulen Tätigsein und ökologische Sicherheit) und das ungelöste Problem mit dem Mitarbeiter, der seinen Aufgaben nicht gewissenhaft nicht nachkommt, sind Störungen in diesem Fallbeispiel.
Auf der Werteebene wird ersichtlich, dass die empfundene Sinnlosigkeit der Tätigkeit zurückzuführen ist auf eine Unklarheit der Werte: Walter M. nahm die Konsequenzen seiner Entscheidungen jeweils nur in Bezug auf die Rückmeldungen der Bürger wahr – dass er auch zur Verkehrssicherheit beitrug oder für die Neuschaffung pflanzlichen Lebens verantwortlich war, geriet aus seinem Fokus. In seinem Wert der Gesundheit war er klarer: er nahm die Rückzugsmöglichkeit zur Genesung wahr und arbeitet auch als Patient mit an seiner Behandlung. Zudem ist er sich seiner Befürchtung vor neuerlicher Erkrankung bewusst und will dem entgegensteuern. Sein Pflichtbewusstsein als Wert drückt sich zudem aus durch seine Führungsaufgabe (Säule Tätigsein) und dem Wunsch, das Verhalten seines Mitarbeiters korrigieren zu wollen.
Aufgabe der Teilnehmenden in dem Kurs war es nun, die Matrix aus dem 5-Säulen-Modell zunächst aus dem Fallbeispiel auszufüllen – in einem weiteren Arbeitsschritt sollten mögliche Fragen und Gesprächssequenzen erarbeitet werden, um diejenigen Felder auszufüllen, die noch nicht aus dem Fallbeispiel ersichtlich waren. Zirkuläre Fragen, der Sokratische Dialog sowie ein offenes Werte-Ohr, das die Teilnehmenden am Wochenende schulten, zeigten auf, dass eine Werteklarheit zu sicheren Entscheidungen führt – so beispielsweise in der Ausarbeitung, dass die Folgen seines Handelns in seinem Beruf nicht nur ärgerliche Reaktionen bei den betroffenen Bürgern hervorruft, sondern dass er auch zur öffentlichen Sicherheit beiträgt, zur Verschönerung öffentlicher Plätze und zur Neuschaffung von Grünflächen, womit er einen Beitrag zur ökologischen Nachhaltigkeit leistet.
Nutzen für die Teilnehmenden

Die Coaching-Tools für die Praxis nutzen
Die Arbeit mit Inhalten wie dem 5-Säulen-Modell als diagnostisches Werkzeug im sinn- und werteorientierten Coaching oder den 10 Thesen zur Person nach Frankl regten die Teilnehmenden dazu an, sich intensiv mit ihrer eigenen Haltung und ihrem Werte-Ohr zu beschäftigen – sie konnten sich selbst die Fragen nach „Was ist mir wichtig als Coach?“ oder „Wie will ich meine Coachingnehmer wahrnehmen?“ klarer beantworten. Der Workshop und die Arbeit mit Markus Classen führte bei den Teilnehmenden zu der Handlungskompetenz, ihr Coaching-Profil differenzierter ausarbeiten und für Werteklarheit bei sich selbst zu sorgen – philosophische Fragestellungen nutzen die Teilnehmenden zur Reflexion ihrer eigenen Menschen- und Weltbilder, was als sehr hilfreich für die künftige, erfolgreiche Tätigkeit als Coach wahrgenommen wurde.